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Der eiskalte Regen peitschte uns ins Gesicht, es war ein Tief aus Nordwest, die Meteorologen hatten es vorher gesagt. Das Wetter kam fast immer aus dieser Richtung. Die Jeans steif wie ein Brett und unsere Beine fast zu Eis gefroren, marschierten wir gerade zwischen Westerland und Wennigstedt, als uns der Regen erreichte.

Wir waren auf Sylt, unserer zweiten Heimat und es war November. Vor 25 Jahren hatten wir uns für die Insel in der Nordsee entschieden. Ein Appartement, 37 Quadratmeter, so groß wie unser heutiger Pool, war unser zu Hause. Bei diesem Wetter stellten wir uns zum ersten Mal die Frage, müssen wir uns das antun, sollten wir uns nicht nach einem wärmeren Ziel umsehen? Die fünfzig haben wir bereits überschritten, waren also nicht mehr die Jüngsten. Von den warmen Klimazonen dieser Welt hatten wir bereits vor vielen Jahren gehört, gebraucht hatten wir sie bisher nicht, mit den Wetterbedingungen auf unserer Insel waren wir zufrieden. Nordseefans waren wir und kannten den Spruch, „Es gibt kein schlechtes Wetter nur schlechte Kleidung“. Nun war jedoch ein Punkt erreicht wo wir dies in Frage stellten. Unsere Entscheidung war gefallen. Wir begeben uns auf die Suche nach wärmeren Gefilden. In einer überregionalen Tageszeitung fanden wir eine Anzeige: Ferienhauses in Florida mit großem Pool, drei Schlafzimmer, zwei Bäder, so lautete das Inserat. Wir buchten.

Es war bereits dunkel als wir in RSW (Ft. Myers) landeten. Tom, der Beauftragte unserer Vermieter, nahm uns in Empfang. Mit dem Mietwagen folgten wir ihm. Wo will denn der mit uns hin?Eine halbe Stunde kurvten wir bereits hinter ihm her. Waren einmal auf der Interstate 75, dann wieder auf einer Landstrasse. Wo waren wir überhaupt? Keine Vorstellung! Ein Hinweisschild, was stand da eben drauf? Lehigh Acres, nie gehört! Oder doch? Ja, unsere Vermieterin hatte davon geschrieben, hier sollte unser Haus stehen. Tatsächlich, nach einigen Minuten stoppte Tom, wir hatten unser Ziel erreicht. Im ersten Moment sahen wir nichts, es war stockdunkel. Hier sollen wir morgen wieder herausfinden? Unmöglich! Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten stellten wir fest, dass wir uns mitten in einem Waldgebiet befanden. Tom schloss die Tür des Hauses auf, wir hinter her. „Wau“, nicht schlecht. Riesengroß war es, für unsere damaligen Vorstellungen. Der nächste Tag wird uns mehr bringen, gehen wir erst einmal zu Bett. Nach 9 Stunden Flug waren wir geschafft.
Stahlblauer Himmel, Temperaturen wie auf Sylt im Sommer, so erlebten wir den nächsten Morgen, es war Februar. Nach unserer Runde durch das Haus waren wir begeistert. So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Die nächsten 14 Tage fühlten wir uns wohl. Everglades, Miami, Naples, Ft. Myers Beach, Sanibel, alles erkundeten wir. Zwei Tage vor unserer Abreise besuchten wir den Jachthafen von Naples.

 Da waren doch Stimmen, deutsche Stimmen. Tatsächlich, auf einer Jacht saßen vier Segler und diskutierten über den Intercoastal Waterway Richtung New York, ihr nächstes Ziel. Wir kamen ins Gespräch und jammerten über das unmögliche Brot der Amerikaner. „Fahrt nach Cape Coral, da findet ihr alles was ihr bisher vermisst habt“, meinten sie. Den Deutschen Bäcker fanden wir, aber auch die Stadt die uns sofort begeisterte. Wir kommen wieder, so unsere gemeinsame Entscheidung.
In den folgenden drei Jahren verbrachten wir einen Teil unseres jährlichen Urlaubs in Cape Coral.
Die Einkaufsmöglichkeiten begeisterten uns immer wieder aufs Neue. Da war eine Aussage meiner Frau, die mir bis heute nicht aus dem Sinn geht. „ Wenn wir hier ein Haus hätten, ich würde es zu einem Traumhaus einrichten“, als ob sie es geahnt hätte.
Die Südspitze Grönlands hatten wir in einer Höhe von 33 000 Fuß passiert, als ich ein Geheimnis erfuhr. 5 Wochen Urlaub lagen vor uns, und in dieser Zeit sollten wir Besuch bekommen. Unsere Tochter mit Enkel, das war die Überraschung die sie mir über Monate verschwiegen hatte. Die gemietete Villa war natürlich nicht für ein Kleinkind von 18 Monate eingerichtet, das stellten wir später fest. Der Hochstuhl, damit Julian mit am Tisch sitzen konnte, fehlte. Wo her nehmen? In einer der früher gemieteten Villen stand ein solcher Kinderstuhl, wir erinnerten uns. Rufen wir doch einfach an, vielleicht sind die Hamburg Eigentümer anwesend? Sie waren es. Wenige Minuten später stand der benötigte Stuhl vor uns. In dem folgenden Gespräch stellte sich heraus, dass eines der beiden Häuser, die Familie hatte zwei Villen, verkauft werden sollte. Unsere Ohren wurden immer länger. Ich schaute meine Frau an, sie warf mir einen Blick zu. Wir verstanden uns sofort, jeder wusste was der andere dachte. Kaum hatte unser Besuch das Haus verlassen, kam es wie aus einem Munde, „Wäre das etwas für uns?“, es war Gedankenübertragung. Wie uns die Eigentümerin erzählte, wollte sie am nächsten Tag zum Makler um die Villa listen zu lassen. Eile war geboten.
„Gehen sie bitte nicht zum Makler, warten sie noch einen Tag, wir überlegen es uns ob wir ihr Haus kaufen“, so meine Worte am Telefon. Wir müssen uns alles noch einmal ansehen, Fehler wollten wir dieses Mal nicht begehen. Unser Appartement auf Sylt befand sich in bester Lage Westerlands. Einen Schritt aus dem Haus und wir waren auf der Promenade, trotzdem hatten wir eine verhältnismäßig schlechte Position. Warum? Unser Eigentum lag auf der Landseite, wir hatten keinen Seeblick, den hätten uns die Mieter und später der Käufer vergoldet. Also jetzt keine Fehler begehen.
Nach kurzen klingeln öffnete die Eigentümerin. Unser Blick durchflog den großen Livingroom, ging durch die riesige Glas-Schiebetür, über den Poolbereich, und blieb an dem breiten Kanal mit den hohen Palmen hängen. Ein Anblick zum verlieben. Das ist unser Haus, so sollte es sein, so hatten wir es uns vorgestellt. Hinzu kam die Südlage, die angenehme Nachbarschaft und die Schönheit der exotischen Bepflanzung des Grundstücks. Wir entschieden uns zum Kauf.
Drei Tage später saßen wir bereits beim Titel, dem Amerikanischen Notar.


typische Florida Bauweise, Ferienvilla in Cape Coral


In weniger als einer Stunde waren die vorbereiteten Kaufverträge unterschrieben. Noch waren wir nicht die Besitzer der Villa mit ca. 200 Quadratmeter Wohnfläche und einer Grundstücksgröße von 1000 Quadratmeter. Nein, das Haus mussten wir noch bezahlen. Natürlich ist zu diesem Schnellschuss zu sagen, dass wir das Haus kannten, Jahre vorher hatten wir es einmal gemietet. Die Bausubstanz, die Lage, die Nachbarschaft, alles war uns bekannt. Nur so war es möglich, ohne weitere Fachleute zu befragen, diesen Schritt zu gehen. In Gedanken war unsere Finanzierung klar, unser Appartement auf Sylt, das mussten wir nur noch verkauften. Es war der 23. November 2000, der Tag des Kaufabschlusses. Closing, d.h. die Übergabe, sollte Mitte Januar erfolgen. Zu diesem Termin war es erforderlich, dass der gesamte Kaufpreis auf dem Konto des Notars eingegangen war. Das ist ja Schönfärberei, so nannte ein Interessent meine Expertise die ich für Sylt zusammengestellt hatte. Ganz so glücklich lief der Verkauf unseres Appartements nicht. Die Kaufsumme für unser Haus mussten wir zwischenfinanzieren, unsere Hausbank half uns dabei. Ab dem 15. Januar 2001 waren wir stolze Besitzer einer Villa in den USA.
Sie war grün, die gesamte Villa hatte einen grünen Anstrich. Der Teppichboden im Haus war so grün wie der Rasen des Fußballstadions des HSV. Die Arbeitsflächen der Küche, alle Gläser im Schrank, sogar die Sitzgarnitur im Wohnzimmer war grün angehaucht.

Vermieten wollten wir das Haus. Nun stellten wir uns die Frage, treffen wir mit diesem Farbspiel die Vorstellung unserer Gäste. Nein, so war eine Vermietung unmöglich. Wir begannen das Haus zu verändern, ihm ein neues Aussehen zu verpassen. Bis wir die richtige Farbe für den Außenanstrich fanden, es war nicht einfach. Von hellem gelb bis leichtem Florida rosa, alles fanden wir schön. „ Gelb könnt ihr nicht nehmen, die Farbe deckt nicht“, so die Meinung unserer Verwaltung.


großzügiges Platzangebot in einer typisch floridanischen Villa

Heute wissen wir warum diese Aussage von Sigrid kam, das gelb war unmöglich. Der Teppichboden flog als nächstes aus dem Livingroom. Schönere Möbel suchten wir und eine neue Küche ließen wir installieren. Lampen, Gläser, Geschirr, Bettzeug alles tauschten wir aus. Den Pool ließen wir neu beschichten, das Pooldeck strichen wir, setzten zusätzliche Sträucher um das Haus, verlegten Gehwegplatten, Beeteinfassungen, und gaben dem Bootsdeck einen neuen Anstrich. Wir hatten Arbeit ohne Ende. Heute ist alles vergessen. Sieben Jahre haben wir bereits überstanden, viele Hochs und Tiefs durchlebt, die Ermittlung der Propertytax von Lee County durchschaut, den Sheriff kennen gelernt, eine Petition eingereicht und wieder zurück genommen, aber immer noch glücklich den Schritt in die Staaten gewagt zu haben. SW Florida und Cape Coral sind und bleiben unser privates Paradies.

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